"Im Anfang war das Wort." * Die blauen Texte haben nichts zu tun mit der Blauen Partei und deren Gedankengut.

"Im Anfang war das Wort."

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Freitag, 25. März 2016

Feste essen

Das Feiern und Begehen von Festen und festlichen Anlässen ist wohl in allen menschlichen Kulturen verbunden mit Essen und Trinken. Manchmal ist sogar das Essen und Trinken selber der festliche Anlass oder ein Grund, hin zu gehen.


Ein Osterlamm
Ein Osterlamm (www.niederdorla.de)
Wer das nicht glaubt, stelle sich vor, eingeladen zu sein und es gibt zum festlichen Anlass weder zu essen noch zu trinken. Erst knurrt der Magen, dann knurren wir. Ob wir jemals wieder zu so was hingehen?

Sogar das Trinken allein hat seine festliche Funktion. Wer von uns hat nicht schon mal mit anderen auf etwas angestoßen oder, festlicher, das Glas erhoben. Mit jemandem „was trinken gehen“ drückt zumindest gute Bekanntschaft aus. Also dann „Prost!“ und „Sehr zum Wohle!“.

Zurück zum Essen und zum Fest. Ein Fest soll hier verstanden werden als eine Feier mit großem Aufwand. Wobei Feier wiederum eine Veranstaltung zu einem bestimmten Anlass bedeuten soll. Fest und Feier werden aber oft synonym verwendet. Mit Essen ist hier die Art und Weise der Nahrungsaufnahme gemeint, die unter bestimmten Konventionen, also dem Anlass zugeordneten Regeln stattfindet.

Das Wort Fest stammt ab vom lateinischen festum. Das Wort Feier kommt ebenfalls aus dem Lateinischen und hieß bei den alten Römern fesiae. Die Worte festum und fesiae wurzeln im Wort fanum, das Religiöses an sich bezeichnet. In unserer Kultur gibt es kaum ein Fest ohne religiösen Hintergrund. Manche Feste und Festbräuche wurzeln sogar in religiösen Vorstellungen aus der Zeit vor der Christianisierung. So stammt der Name Ostern vermutlich ab vom altgermanischen Ausro, der Mörgenröte und wird deshalb angenommen als ursprünglich germanisches Frühlingsfest. Mit der Christianisierung Mitteleuropas verbanden sich jüdische, christliche und heidnische Elemente zum Osterfest unserer heutigen Kultur.

Menschen feiern Feste aus vielen Gründen. So teilen Feste die Zeit ein in Abschnitte zwischen Festen, in Zyklen, Rhythmen und Perioden. Die christliche Bezeichnung der Sonntage drückt das aus. Fragen wir Kinder, wie lang es noch hin ist bis Weihnachten? Sie werden es wissen. Unser Leben kann eingeteilt werden in die Zeiten zwischen Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Trauerfeier. Sogar jeder Tag hat einen Feierabend und der Sonntag ist ein Feiertag.

Das gemeinsame Begehen von Festen und Feiern stiftet Gemeinschaften und erhält Gemeinschaften. Wer nicht eingeladen ist, ist draußen. Speisen spielen hier eine große Rolle. Man kann sich in Gemeinschaften integrieren oder daraus ausschließen, indem man bestimmte Speisen oder Getränke bewusst zu sich nimmt oder verschmäht. Wer sich mal in einer vergnügt mampfenden Runde einsam über den "schauderlichen Fraß" beschwert hat, weiß, was ich meine. Kurzfristig positive Erfahrungen macht, wer kulinarische Unglücke einer geliebten Person trotzdem lächelnd runter würgt. „Schatz, das schmeckt, ähm, wundervoll!“ Diese Unaufrichtigkeit wird allerdings bestraft: Er bekommt die gleiche Speise immer wieder vorgesetzt, in bester Absicht und mit Liebe. „Das hab ich nur für Dich gekocht, Liebling!“ Wohl bekomm´s und Guten Appetit! Natürlich funktioniert das auch umgekehrt: Wenn Zwangs-Insassen einer Kantine, eines Fest- oder Speisesaals sich gegenseitig über das Essen beschweren, integriert das in die Tischgemeinschaft. Charaktere und Hierarchien werden offenbar, wenn ein Vorgesetzter kommt, der meint: „Hm! Das schmeckt aber vorzüglich!“

Das Essen oder Trinken kann auch ein Ritus sein, um in eine Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Das Abendmahl unter Christen ist ein wichtiges Beispiel. Art und Weise bestimmt hier die Konfession. Wir kennen die entsprechenden Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten. Wer, was und mit welcher symbolischen Bedeutung beim Abendmahl aß oder trank, essen oder trinken durfte, bestimmte in der Vergangenheit oft, wer rechtgläubig oder ketzerisch war.

Der Autor erinnert sich an einen Brauch aus seinem der Vogtei, seinem Heimatdorf. Dort feiern die unverheirateten Jugendlichen gemeinsam das Kirchweihfest der heimischen Kirche. Vom gemeinsamen Hammelbraten darf nur der- oder diejenige ein Stück bekommen, wer zuvor einen Teller Kuttelsuppe gegessen hat. Kuttelsuppe wird bereitet aus dem Magen des Hammels unter Zugabe von viel Essig. An dieser Suppe scheiden sich die Geister.

Meist verbinden sich mit dem Begehen von Festen bestimmte Bräuche, die mit Speisen zu tun haben. Würde es uns nicht seltsam vorkommen, lägen bunte Oster-Eier unterm Weihnachtsbaum oder sollten wir zu Ostern Pfefferkuchen naschen? Na ja, den Kindern macht´s vielleicht nichts aus, aber Oma und die ältliche Tante würden uns schon darauf hinweisen: Das macht man nicht. Wir essen also zu bestimmten Festen bestimmte Speisen und erwarten dies auch von unseren Mitmenschen, wenn diese aus unserer Kultur stammen.

Viele Speisen an sich oder die Art und Weise ihrer Zubereitung sind fest gebunden an bestimmte Feste, so fest, dass sich das im Namen der Speisen ausdrückt: Wir sprechen von Geburtstags- oder Hochzeitstorte, vom Oster-Lamm, vom Oster-Ei, vom Weihnachtsstollen und von Weihnachtsplätzchen. Andererseits kann eine Speise oder ein Getränk auch namensgebend sein für ein Fest. So kennen wir beispielsweise Wein- und Bierfeste. Das Verzehren von Speisen oder Getränken kann also ein eigener festlicher Anlass sein oder zu einem Fest gehören. Denken wir an das Anbieten von gefüllten Pfannkuchen zu Silvester: Einer ist mit Senf gefüllt...

Manche Fest-Speisen sind gewöhnliche Speisen, die auf spezielle Art und Weise zubereitet oder verändert werden. Ein Oster-Ei ist ein normales hart gekochtes Hühner-Ei, das bunt gefärbt wurde.
Die Einladung, etwas gemeinsam zu backen, zu kochen oder zu zubereiten ist etwas sehr Intimes und meist nur sehr engen Freunden oder Familienmitgliedern vorbehalten. Auch mindert es das Risiko, dass einer allein das Essen versaut und nun allein am Misslingen des Festes schuld ist. Beruflich oder öffentlich kann man auch gemeinsam Essen zubereiten, aber da gelten öffentliche Gesetze und Vorschriften. Oft sind diese Gesetze auch religiöse Bestimmungen. Spezielle Nahrungsmittel und Zubereitungsarten sind verboten oder werden gefordert. „Und sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch“, heißt es etwa im zweiten Buch Mose Vers 23.19., was etwa den Juden das gemeinsame Verzehren von Milch- und Fleischprodukten verbietet.

Manchmal richten sich festliche Nahrungsmittel und Zubereitung auch nach dem Alter oder dem Zustand der Gäste, die diese Nahrung zu sich nehmen sollen. Wir tischen beim Kindergeburtstag anders auf als zum Seniorennachmittag oder zur Party mit Jugendlichen oder erwachsenen Gästen. Bekannt ist auch eine Unterscheidung nach gesellschaftlichem oder religiösem Stand des Essers, auch unabhängig von dessen finanziellen Möglichkeiten. Im Mittelalter war Wildbret dem Adel vorbehalten, oder weißes Fleisch, also Fisch, Kaninchen oder Geflügel den Medizinmännern nordamerikanischer Indianer.

Welche Speisen und Getränke auf Festen angeboten werden, richtet sich also nach Anlass und Konvention, nach den Mitgliedern der Speisegemeinschaft und sogar nach Region, Land oder sogar nach Stadt und Dorf in dem das Fest gefeiert wird. Eine große Rolle spielen auch familiäre Traditionen oder persönliche Vorlieben. Mancher isst eben weder Fisch noch Fleisch, egal ob man das allgemein so macht.

Ein weiterer Aspekt des Zusammenhangs von Essen und Fest ist wohl der Aufwand, der für die festlichen Speisen betrieben wird, unabhängig von den bereits beschriebenen Faktoren. So können die Oster-Eier fertig aus dem Supermarkt kommen oder gemeinsam mit der Familie gefärbte Kunstwerke sein. Aufwand und Kreativität kennt hier keine Grenze. Es kommt darauf an, ob und warum Grenzen ausgeschöpft werden. Wer also für die Familie die teuren Öko-Eier mit eigener Wachstechnik verschönert, kann maschinell besprühte Käfig-Eier als Spende geben. Ähnliches gilt für den Weihnachtsstollen, erworben aus dem Sonderangebot oder zugeschickt aus Dresden. Der Aufwand zeigt, welche Bedeutung dem Fest oder den Gästen, zugemessen wird. Das fällt auch zurück auf den Ausrichter des Festes. Schnell gilt man als ungastlicher Geizhals oder als jemand, der öffentlich Wasser predigt und heimlich edle Tropfen genießt.

Wir sehen: Feste und Essen gehören zusammen. Das Schlusswort geben wir dem Prediger Salomo: „Darum lobte ich die Freude, dass der Mensch nichts Besseres hat unter der Sonne denn essen und trinken und fröhlich sein; und solches werde ihm von der Arbeit sein Leben lang, das ihm Gott gibt unter der Sonne“, Prediger 8.15.

Also: Frohes Fest und lassen Sie es sich schmecken!

Michael Zeng (Ostkreuz 11/12 2010)