"Im Anfang war das Wort." * Die blauen Texte haben nichts zu tun mit der Blauen Partei und deren Gedankengut.

"Im Anfang war das Wort."

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Samstag, 27. Februar 2016

Ewigkeit

Ewigkeit! In unserer Kultur wird die Ewigkeit meist zeitlich aufgefasst, also als ein unendlicher Zeitraum. Die Ewigkeit hat weder Anfang noch Ende. Sagt man dazu ja, dann folgt: Die Ewigkeit lässt sich nicht messen. Es gibt keinen Zeitpunkt zum ersten und zweiten Drücken einer Stoppuhr, um dann abzulesen, wie lang die Ewigkeit gedauert hat.


Das Wort Ewigkeit leitet sich wohl aus dem althochdeutschen „ewe“ her. Das Wort wurde gebraucht, um „Lebenszeit“ auszudrücken. In der Zeit, als die Menschen althochdeutsch sprachen, hatte die Ewigkeit also noch ein Ende. Auch damals lebte niemand unendlich lange. Die Menschen nutzten das Wort „ewe“ jedoch auch, um einen langen Zeitraum zu bezeichnen. Vielleicht bedeutete „ewe“ einen Zeitraum, dessen Ende man nicht absehen kann. Niemand weiß, wann genau er stirbt, wenn der Mensch sich nicht einmischt und Todesurteile vollstreckt.

Später setzte sich durch, Ewigkeit als Zeitlosigkeit anzusehen.

Ewig bedeutet für uns heute also zeitlos. In der Ewigkeit spielen Zeit und Zeiträume keine Rolle. Die Schriften zum Thema Ewigkeit füllen ganze Bibliotheken. Viele Gelehrte beschäftigten sich mit der Ewigkeit und ihre Bedeutung für unseren Glauben und unser Denken. Wohl seit das menschliche Hirn Gesichtspunkte wie Anfang, Ende und Zeitdauer fassen konnte, folgten auch Gedanken über die Ewigkeit. Sehr viele Menschen haben ihre Gedanken dann aufgeschrieben, wohl um die Nachwelt ewig daran zu erinnern. Sie wollten sich verewigen.

Wir spötteln ja auch, dass sich jemand „verewigen will“, wenn dieser jemand seinen Namen, seine Initialen oder einen Spruch in Denkmäler, auf Bäume oder Schulbänke ritzt. Die meisten von uns haben wohl in der Pubertät den Anfangsbuchstaben des eigenen Vornamen mit dem der Angebeteten oder des Angebeteten durch ein Plus verbunden, das Ganze mit einem Herz umkränzt und damit auffällig oder geheime Orte verziert, je nach Temperament. Vielleicht war das ein Wunsch, diese Beziehung zu verewigen.

Eine Art, sich mit der Ewigkeit zu beschäftigen, ist der Versuch, sich die Ewigkeit vorzustellen. Wenn wir etwas beschreiben wollen, was nicht anfassbar ist, dann vergleichen wir oft. Mit was kann man die Ewigkeit vergleichen? Ein wohl zu allen Zeiten beliebter Vergleich war und ist, die Zeitdauer des menschlichen Lebens von rund 80 Jahren ins Verhältnis zu setzen mit Phänomenen, die viel länger dauern. Von den Ozeanen und von den Gebirgen wird angenommen, sie existieren ewig im Vergleich mit uns. Schon in der Horde bei Jägern und Sammlern, konnte das bewiesen werden. Ja, das älteste Hordenmitglied bestätigte es: Das Gebirge am Horizont war auch früher schon da. Alle erinnern sich ganz genau, schon in ihrer Kindheit haben die Alten ähnliches behauptet. Heute wissen wir es besser: Meere und Gebirge befinden sich auf Oberflächen von Planeten, die um Sterne kreisen. Seit wir wissen, dass Sterne explodieren können, wissen wir auch: Meere und Gebirge existieren nicht ewig.

Neben der theoretischen Auseinandersetzung stand wohl schon von Anfang an der praktische Umgang mit der Ewigkeit.

Die praktische Erfahrung, die sich der Ewigkeit am direktesten entgegenstellt ist wohl der Tod.

Selbst, als die Menschen noch in kleinen Horden um ihr Überleben kämpften, lange vor Religion und Philosophie, war ihnen klar: Der Tod beendet das natürliche Leben. Der Tod beendet für ein Lebewesen das Lebendigsein, so wie es vorher war. Was dieser Umstand bedeutet, das beschäftigt Menschen aller Kulturen, zu allen Zeiten.

Die Wissenschaft der Völkerkunde kennt mannigfaltigen Umgang mit dem Tot. In einigen Kulturen werden die Toten zu Ahnen, die den Lebenden helfen oder schaden und immer noch zur Gemeinschaft gehören. Andere Kulturen glauben, die Toten existieren nach dem Tod weiter an einem bestimmten Ort.

Diese Gedanken waren Grundlage für den Umgang mit den Toten. Es entstanden Riten und Vorschriften, wie mit Toten umgegangen werden soll oder muss, damit diese zu gutmütigen Ahnen werden oder zum Ort ihrer weiteren Existenz gelangen konnten. Für jeden Einzelnen zählte meist, wie er nach seinem Tode in der Gemeinschaft präsent blieb. Auf natürlichem Wege leben Menschen weiter in Ihren Kindern, ihren direkten Nachfahren. Ein anderer Weg ist, in seinen Werken weiter zu existieren, seien es Gegenstände oder Gedanken, die in Schriften oder Bildern oder der Musik festgehalten werden.

In sehr vielen Kulturen und seit Jahrtausenden wird ein Weg erprobt, der Spannung zwischen Tod und Ewigkeit zu trotzen: das Grabmal. Wir kennen die Formen, vom Stöckchenkreuz für den geliebten Goldhamster, das wir als Kind unter Tränen bastelten, bis hin zu den ägyptischen Pyramiden. Seit 4600 Jahren trotzen die berühmten Bauwerke vom Nil der Ewigkeit.

Wir wissen, es geht auch kleiner. Wir besuchen die Gräber unserer lieben Toten, bringen ihnen Blumen, pflegen die Bepflanzung. Andächtig bewahren wir Gegenstände auf, die uns an liebe Menschen erinnern. Witwen tragen die Eheringe ihrer Gatten, verblichene Fotos von gefallenen Soldaten zieren die Vitrinen im Wohnzimmer, der Familienschmuck wird immer weiter vererbt. Andenken sollen für die Ewigkeit sein.

In allen Völkern und Kulturen spielen Bestattungsrituale eine Rolle. Sie bilden das Bindeglied zwischen Leben und Tod, zischen Gegenwart und Ewigkeit.

Besonders in Süddeutschland hat sich ein Brauch bis ins späte 19. Jahrhundert erhalten. Der Verstorbene wurde im Haus aufgebahrt, auf einem Brett, einem Totenbrett. Erst zur Beerdigung kam er in den Sarg. Das Brett blieb zurück. Für die Hinterbliebenen war es zu wertvoll, um es wegzuwerfen. Man bewahrte es auf, stellte es als Andenken an den Zaun des Grundstücks, bemalte oder beschriftete es. Zunächst ritzte man drei Kreuze ein. Bibeltexte, Ornamente oder Sprüche kamen später hinzu. Dorfschreiner und Maler bekamen Aufträge zur Gestaltung. Namen und Lebensdaten wurden verewigt.

Die Bretter wurden zu Symbolen für die Unsterblichkeit und zu Gegenständen der Verehrung. Sie wurden zur Besichtigung aufgestellt an wichtigen Stellen wie Kapellen, Wegkreuzungen oder Prozessionswegen.

(Das war der erste Teil eines Artikels, den ich im Sommer 2009 für das Magazin "Ostkreuz" geschrieben habe. Weggelassen sind die Teile, die auf eine Veranstaltung hinweisen.)

Michael Zeng